Archiv für Januar 2008


Das Tal der digital Ahnungslosen

11. Januar 2008 - 13:40 Uhr

In der ehemaligen DDR war es weit verbreitet, nicht nur die beiden Programme des DDR-Fernsehens, sondern auch von ARD und ZDF anzuschauen. Nicht nur im Ring um West-Berlin, sondern auch an der deutsch-deutschen Grenze ging die Reichweite des „Westfernsehens“ weit ins Gebiet der DDR. Dies war durchaus gewollt, denn ARD und ZDF hatten leistungsstarke Sender in Grenznähe postiert. Durch die zu große Entfernung und die schlechten Ausbreitungsmöglichkeiten in Tallagen waren zwei Gebiete in der ehemaligen DDR vom Einfluss des Westfernsehen abgeschnitten. Dies betraf einmal das nordöstliche Gebiet um die Insel Rügen und im Südosten die Region um Dresden, woraus man für die Abkürzung „ARD“ die Langform „Außer Rügen und Dresden“ machte. Insbesondere Region um Dresden galt als das „Tal der Ahnungslosen“, weil dort selbst mit großen technischem Aufwand kein Empfang von Westfernsehens möglich war und man sich dort lediglich über das Fernsehen der DDR informieren konnte.

Inzwischen gehört die Region um Dresden zu den florierenden in den neuen Bundesländern und kann sich über ein vergleichsweise hohes Wirtschaftswachstum und relativ niedrige Arbeitslosenzahlen freuen. Dieser Region hat es letztendlich in dieser Hinsicht also nichts geschadet. Und inzwischen haben auch die ARD und ZDF mit einer ganz anderen innerdeutschen Konkurrenz zu kämpfen. Das Kampfgebiet ist allerdings ein ganz ähnliches, denn auch hier geht es um die terrestrische Ausstrahlung von Fernsehen.

Als Ende der 1980er Jahre im Westen endgültig die Zeit des Kabelfernsehens anbrach und in den 1990ern nicht zuletzt durch das Astra-Satellitensystems vor allem im Osten die letzten Lücken in der Fernsehvollversorgung geschlossen wurden, schien die Zeit des terristrischen Fernsehens zu Ende zu gehen. Das verrauschte Bild, die geringe Auswahl von drei bis fünf Sendern und die starke Störanfälligkeit waren nicht wirklich ein positives Alleinstellungsmerkmal. Viele Fernsehzuschauer wechselten auf einen Kabelanschluss oder packten sich einen Satellitenschüssel auf ihr Hausdach.

Eine wirkliche Renaissance erfuhr die Ausstrahlung von Antennenfernsehen mit der Entscheidung der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg im Jahr 2003 die analoge Ausstrahlung über Antenne zugunsten einer digitalen über den neuen TV-Standard DVB-T zu beenden. Mit Umstellung versprachen sich alle Seiten eine deutliche Verbesserung der Qualität, eine erhöhte Programmvielfalt durch zusätzliche öffentlich-rechtliche und private Programme. Im Ballungsraum Berlin können die Menschen mit ihrer digitalen Set-Top-Box über eine Zimmerantenne inzwischen fast 30 TV-Stationen empfangen und dies kostenlos und in konstanter Qualität.

Viele Regionen in Deutschland sind dem Beispiel nun gefolgt, können allerdings beim Programmangebot nicht wirklich mithalten, da die Privatsender aus Kostengründen sich lediglich in den anderen großen deutschen Ballungsräumen an der Ausstrahlung beteiligen. Andernorts treiben die örtlichen Landesmedienanstalten, die ARD und das ZDF die flächendeckende Versorgung ohne private Partner voran. Dies gilt auch für weite Gebiete im Südwesten Deutschlands. Dort werden auch auch der Umstellung auf digitale Ausstrahlung lediglich öffentlich-rechtliche Sender zu empfangen sein, allerdings wird sich die Zahl von bislang drei mehr als verdoppeln.

Als der SWR schließlich ankündigte im November 2007 große Teile der Pfalz auf digitale Ausstrahlung umzustellen, war ich sehr hoffnungsvoll, schließlich hatte ich mir zum Beginn des Jahres 2007 einen USB-Stick für mein Notebook zugelegt mit man DVB-T-Signale empfangen konnte, schließlich war auch für Pfalz die Umstellung im Verlaufe des Jahres 2007 bereits angekündigt. So freute mich schon darauf, abends im Büro in südpfälzischen Landau nicht nur die Tagesschau anschauen zu können, sondern auch die restlichen Informationssendungen, was im Internet nicht per Stream zu empfangen ist. Schließlich ist man als Informationsjunkie stets auch an visueller Information interessiert.

Ich schaute schließlich in der letzten Woche wieder auf die Internetseite des SWR zum Thema DVB-T und musste erstaunt feststellen, dass zwar weitere Sender in Pfalz umgestellt worden sind, dass dies allerdings für Landau nichts geändert hat. Wie man auf der Karte entdecken kann, liegt Landau zwar im Gebiet, wo man mit Dachantenne durchaus DVB-T empfangen kann, aber der mobile Empfang unterwegs bzw. mit Zimmerantenne im Büro ist damit immer noch nicht möglich. Dies ist natürlich ärgerlich, aber um so heiterer war für mich die Erkenntnis, dass praktisch allein das Gebiet um Landau herum durchgehend mit einem Grünstreifen versehen ist. Da hast Du halt einfach Pech gehabt und wohnst weiter im Tal der digitalen Ahnungslosigkeit.

Immerhin bleibt mir als Bewohner der Stadt Landau noch die Option die Landesgrenze nach Baden-Württemberg zu überschreiten, um dieses Tal zu verlassen. Selbst die ahnungslosen Sachsen hatten die Möglichkeit bei ihren Bekannten und Verwandten in anderen Regionen der DDR ihre Ahnungslosigkeit in Grenzen zu halten. Mir hilft dabei mein geliebter Kabelanschluss in den heimischen vier Wänden und so schaut man sich die Bundestagsdebatten auf Phönix halt von Zuhause statt vom Büro aus an – ist ja auch viel gemütlicher.

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Unerlaubt dem Unterricht ferngeblieben

6. Januar 2008 - 21:14 Uhr

Bei dem vorliegenden Dokument handelt es sich um gar kein wirklich Bild, sondern um ein Schreiben, dass meinen Eltern im Februar 1995 übersandt wurde. Inhaltsgleiche Anschreiben erhielten mit Ausnahme von zwei Mitschülern auch alle anderen Eltern der Klasse 9 A.

Der Morgen des 9. Februar 1995 war kalt – sehr kalt. Und dies dank eines Ausfalls der Heizung in der Schule auch im Chemieraum, so dass unser Lehrer Dr. Schmidt mit dem Einsatz von zahlreichen Bunsenbrennern den Versuch unternahm, die Raumtemperatur auf ein erträgliches Niveau zu hiefen. Er war dabei so erfolglos, dass er darauf verzichtete einen geordneten Unterricht zu beginnen, zumal der Raum wirklich eiskalt war und wir alle in unseren Winterjacken im Raum saßen und das Gas fleißig durch die Brenner auf unseren Tisch zischte.

In der Zeit bis zur ersten großen Pause traf die Klasse – als Kollektiv – schließlich die Entscheidung, dem weiteren Unterricht fernzubleiben, um sich zuhause wieder aufzuwärmen. Wie die Geschichte schließlich ausging, ist dem Schreiben oben zu entnehmen.

Das Kollektiv traf sich letztendlich an einem Samstag zum gemeinsamen Nachsitzen in der Schule, zumindest bis auf die zwei Mitschüler, die an dem besagten Tag den Weg zurück in die Schule gefunden hatten und damit der Schulpflicht genüge taten, während sich das Kollektiv den Resttag schulfrei gegeben hatten. So entging den beiden ein gemeinschaftsförderndes Erlebnis, bei dem die Stimmung irgendwie gelöst und fröhlich genug war, um aus dem Nachsitzen ein heiteres Beisammensein zu machen.

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Empfangsbestätigung aus London – Der "German Service" der BBC

5. Januar 2008 - 17:11 Uhr

Zu den Zeiten meiner Oberstufenschulzeit gab es ein morgentliches Ritual. Um 6:50 Uhr klingelte der Wecker, ich packte meine Anziehsachen, meinen Sony-Weltempfänger und verschwand im elterlichen Bad um dem Klang von Big Ben in London zu lauschen, der Senderkennung der guten alten BBC aus London. Jeden Tag ab 7:00 Uhr strahlte die BBC aus Studios in London und Berlin ein halbstündliches morgentliches Informationsprogramm aus, das den interessierten Hörer auf den neuesten Stand über die Nachrichtenlage brachte. Die Sendung war lediglich über Kurzwelle zu empfangen und stellte sicherlich den üblichsten Weg dar ein morgentliches Radioprogramm zu hören.

In den 1990er interessierte ich mich für den Empfang solcher Radio-Sendungen, die auf eine eher unübliche Art und Weise zu empfangen waren. Wie ich darauf gekommen bin, weiß ich nicht mehr so ganz recht. Aber ich erinnere mich an eine Sendung auf Radioropa Info, die sonntags am späten Abend lief und Informationen für sogenannte DX’er angeboten hat. Letztendlich wurde ein Medienmagazin geboten, dass auch auf technische Details zum Empfang von sogenannten Kurzwellensendern einging. So gab es Hinweise darauf, wann welche Programme in deutscher und englischer Sprache auf welcher Frequenz aus welchem Land der Welt zu empfangen waren und welche Sendepläne sich geändert hatten.

Angeregt durch die Radiosendung, begann ich irgendwann damit ein altes Radio meines Vaters für den Empfang von Kurzwellensendern zu nutzen, denn mein eigenes empfing lediglich UKW, MW und immerhin LW. Trotz dieses Geräts war der Empfang allerdings mit der einfachen Teleskopantenne nur begrenzt erfolgreich. Die besondere Ausbreitungseigenschaften von Kurzwellen erlauben es, dass zwischen Sendemast und Radioempfänger nicht nur wenige Kilometer liegen, sondern tausende und damit die Programme letztendlich je nach Sendeleistung vielfach weltweit zu empfangen sind. Das wird dadurch erreicht, dass eine Kurzwelle mehrfach zwischen Erdboden und Atmosphäre reflektiert wird. Auf anderen Frequenzbereichen erreicht man diese Reflektion entweder nur einmal oder schlicht überhaupt nicht. Ein Radiosender, der üblicherweise auf Ultrakurzwelle (UKW/FM) sendet, erreicht damit in der Regel einen Senderadius von rund 150 bis 250 km, dann ist Schluss und man muss im Auto auf eine andere Freuquenz wechseln oder sich einen anderen Sender suchen, wenn man größere Strecken fährt. Auf Mittelwelle (MW/AM) oder Langwelle (AM) ist die Reichweite ein wenig größer, so dass man hier auch deutsche Programme noch im europäischen Ausland empfangen kann oder eben auch viele europäische Programme in Deutschland. Auf Kurzwelle steht einem dagegen praktisch die ganze Welt offen.

Ich weiß nicht mehr ganz genau in welchem Jahr, aber Ende der 1990er bekam ich zu Weihnachten einen mit fast 1000 Mark extrem teuren, aber dafür sehr professionellen Weltempfänger von Sony geschenkt. Man könnte es als mein erstes richtiges Hobby bezeichnen. Beim ICF SW 77 konnte ich genaue Frequnz mittels Digitalanzeige auswählen und es gab einige Features, die den qualitativ eingeschränkten Empfang erträglich machen. Denn die positive Eigenschaft der Reichweite geht bei der Kurzwelle mit einer sehr gewöhnungsbedürftigen Qualität einher. Von einem Stereo-UKW-Signal ist die analoge Kurzwelle so weit entfernt wie ein Fiat Punto von einem Rolls Royce: es geht halt irgendwie, aber komfortabler wäre eben schöner. Diese enormen Qualitäteinbußen sollen mit der Digitalisierung endlich verringert werden, aber die Verbreitung dieser sogenannten DRM-Technologie ist ebenso wie bei DAB auf UKW noch sehr gering, so dass es weiter auf Kurzwelle knistert und knackt.

Aber den Reiz von DX’ing machte es auch aus, dass man mit diversen Empfangsschwierigkeiten zu kämpfen hat und trotzdem angestrengt einem Radioprogramm aus dem fernen Neuseeland oder Australien lauscht, und wenn lediglich die Senderkennung zu erahnen ist. Die ständig wechselnde Lautstärke durch den Schwund des Signals, das nervtötende Knistern oder die Störgeräusch durch andere Sender auf den Nachbarfreuquenzen gehören schlicht einfach dazu. So braucht man durchaus eine gewisse Leidensfähigkeit und Härtnäckigkeit, um das Hobby „Distance X“ (DX) auszuüben.

Diejenigen, die sich für ihre Jagd nach den Kurzwellen-Sendern dieser Welt belohnen lassen wollen, können spezielle Empfangsbestätigungen von den Radiosendern anfordern. Diese „QSL-Karten“ gleichen Postkarten auf denen der Sender, den Empfang des Programms zu einer bestimmten Zeit und an bestimmten Datum bestätigt. Der Radiohörer schickt hierzu eine Postkarte an den Sender, auf dem ein SINPO-Code mit Zahlen zwischen 1 und 5 die Empfangsqualität angibt. SINPO steht dabei für S (Signalstärke), I (Interferenz), N (Störgeräusche), P (Ausbreitungsstörungen) und O (Gesamteindruck). Als Antwort erhält man dann von den Sendern eine Empfangsbestätigung, die eifrige DX’er fleißig sammeln wie andere die Postkarten ihrer Freunde und Bekannten aus fernen Ländern.

Ich selbst habe es nur zu ganzen zwei Empfangsbestätigungen geschafft. Einen von meinem geliebten deutschen Dienst der BBC aus London und zum anderen vom etwas exotischeren Radio Korea aus Seoul.

Mein Schultag begann stets mit dem deutschen Dienst der BBC und der etwas anderen Sicht auf die Welt, denn auch wenn das Programm in deutscher Sprache angeboten wurden, war es doch eine Sendung aus Großbritannien. So griff man bei den Reportagen auf das große Korrespondentennetz der BBC zurück, übersetzte die Berichte in deutsch und eröffnete so dem deutschsprachigen Publikum die britische Sicht auf die akuellen Ereignisse ohne eine Sprachbarriere. Das hat sicherlich meinen Englischkenntnissen nicht unbedingt weitergeholfen, aber dafür war ich jeden morgen bestens informiert über die Weltlage – wenn auch durch die britische Brille gesehen.

Am 26. März 1999 stellte die BBC schließlich ihren „German Service“ ein. Wenige Wochen bevor ich mit meinem Abitur auch meine Schullaufbahn an der Theodor-Heuss-Schule in Ratingen beendete, nahm auch das morgendliche Ritual nach dem Aufstehen ein Ende. Die Zeit für ein deutschsprachiges Programm der BBC ging mit dem Verweis auf die englischsprachigen Angebote des „Words Service“ zu Ende. Einerseits musste wohl dringend Geld eingespart werden, andererseits ging der Blick längst auf Osteuropa. Seit dem Wegfall des Eisernen Vorhangs konzentrierten sich die westlichen Auslandsrundfunksender längst auf die jungen Demokratien und boten für die dortigen Bürger alternative Nachrichtenprogramme an.

Ich konnte mich nie mit dem „World Service“ anfreunden. Ich war schlicht zu faul für ein englisches Nachrichtenprogramm und versuchte es stattdessen mit dem Deutschlandfunk und der Deutsche Welle, aber ohne daran je einen so großen Gefallen zu finden wie am morgentlichen Magazin der BBC in deutscher Sprache.

Die letzte Sendung des German Service der BBC als MP3-Mitschnitt (26.03.1999)

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